Wandel der Welt

 

Die aus Schwaben stammenden Staufer waren im 12. und 13. Jahrhundert das glanzvollste Herrschergeschlecht Europas. Ihre Könige und Kaiser geboten über Länder, die sich von Nord- und Ostsee über die Alpen und Oberitalien hinaus bis nach Sizilien erstreckten. Zu Ehren der ruhmreichen Dynastie hat Deutschlands Südwesten das "Stauferjahr 2010" ausgerufen. Es wird in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen mit Vorträgen, Führungen, Konzerten und Ausstellungen begangen.

 

Den offiziellen Beginn des Stauferjahres markiert am 22. Mai die Eröffnung der neuen Dauerausstellung in der Reichsburg Trifels bei Annweiler. Zur Stauferzeit wurden in ihr die Reichskleinodien aufbewahrt. Deren Kopien, bestehend aus Zepter, Reichsapfel, Reichsschwert, Kreuz und Krone, bilden das Herzstück der "Macht und Mythos" betitelten Präsentation. Im Museum unterm Trifels startet am 19. September die Sonderausstellung "Von der Kunst mit Vögeln zu jagen - Das Falkenbuch Kaiser Friedrichs II.". Das vom Kaiser höchstpersönlich verfasste Prunkwerk ist als Faksimile ausgestellt. Hinzu treten Geräte zur Falknerei, darunter Falkenhauben, deren Einführung in Europa Friedrich II. zu verdanken ist.

 

Dessen Großvater - Kaiser Friedrich I. Barbarossa - fühlt sich Kaiserslautern wegen des Baus der Kaiserpfalz besonders verpflichtet. Und so zeigt die Barbarossastadt ab dem 26. Juni im Theodor-Zink-Museum die Wechselausstellung "Barbarossa: Historie, Mythos, Marketing". Im Mittelpunkt stehen bildliche und literarische Darstellungen, die Sagenfigur, etwa der im thüringischenen Kyffhäuser bis zu seiner glanzvollen Wiederkehr schlummernde Kaiser, und dessen Vereinnahmung für politische Zwecke.

 

Barbarossas Sohn - Kaiser Heinrich VI. - führt die prachtvollen bildlichen Darstellungen von Minnesängern und Dichtern im Codex Manesse an. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts geschaffen, beinhaltet er die umfassendste Sammlung mittelhochdeutscher Lieddichtung von etwa 1150 bis zur Entstehungszeit der Handschrift. Ab dem 26. Oktober zeigt die Universitätsbibliothek Heidelberg ihren nur selten öffentlich ausgestellten wertvollsten Schatz. Die Sonderschau trägt den Titel "Der Codex Manesse und die Entdeckung der Liebe". Im Blickpunkt der mit weiteren kostbaren Handschriften ausgestatteten Schau steht die Minne, die in verehrender Lyrik zum Ausdruck gebrachte Liebe eines Ritters zu einer ihm gesellschaftlich überlegenen Dame. Sabine Häußermann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Universitätsbibliothek, erklärt: Die in der Stauferzeit als literarisches und gesellschaftliches Thema entdeckte Macht der Minne "veränderte das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, aber auch das Selbstverständnis des Adels und die Umgangsformen innerhalb der höfischen Gesellschaft."

 

Absoluter Höhepunkt des Stauferjahres aber wird die von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen zur Landesausstellung gekürte Präsentation "Die Staufer und Italien" sein, die ab dem 19. September in swn Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen gezeigt wird. Veit-Mario Thiede (VMT) hat Elisabeth Handle (EH) über die von ihr wissenschaftlich betreute Schau befragt.

 

VMT: In der mit Spannung erwarteten Schau "Die Staufer und Italien" werden der Rhein-Main-Neckar-Raum, Oberitalien und das Königreich Sizilien als Handlungsfelder der staufischen Herrschaft dargestelllt, von denen epochemachende Errungenschaften in Kunst, Kultur, Wissenschaft, Recht, Wirtschaft und Religion ausgingen. Nennen Sie bitte die bedeutsamsten Errungenschaften und die zugehörigen Schlüsselexponate.

 

EH: Die Ausstellung wird sich in einer ganzen Abteilung unter dem Titel "Wandel der Welt" diesen Errungenschaften widmen. Es ist eine Zeit der neuen politischen Ordnung mit der beginnenden Territorialisierung und Entstehung von Fürstentümern im Reich nördlich der Alpen, die maßgeblich auf die Privilegierung der Fürsten durch Kaiser Friedrich II. zurückzuführen ist. Dem fürstlichen Expansionsdrang steht das ausgeprägte Selbstverständnis Friedrichs II. gegenüber, das sich am besten in seinen Herrschaftszeichen fassen lässt. Den Mantel aus Metz, der erst einer späteren Überlieferung zufolge zum Mantel Karls des Großen gemacht wurde, bekannt als Chape de Charlemagne, hat Friedrich II. wahrscheinlich anlässlich seiner Kaiserkrönung 1220 in Rom getragen. Er ist ganz außergewöhnlich mit Adlern mit Heiligenschein geschmückt. Ikonographisch lässt sich das wohl als Bildformel für das "Heilige Römische Reich" auflösen. Ein Terminus, den übrigens Friedrichs II. Großvater, Friedrich I. Barbarossa, in die Politik eingeführt hat. Die gesellschaftliche Entwicklung in den Städten führt zu einem neuen Frömmigkeitsideal und einer Armutsbewegung, deren bekannteste Vertreter Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen sind. Wir zeigen das Bußgewand der Heiligen Elisabeth. Neben den kostbaren Textilien dokumentieren natürlich zahlreiche prachtvolle Handschriften das neue Wissen der Wissensgesellschaft, die vor allem am Hof Friedrichs II. blüte. Den Aufbruch in eine neue Zeit zeigen auch die herausragenden Skulpturen des Naumburger Meisters , die für den Westlettner im Mainzer Dom geschaffen wurden. Hier werden die Ideen der gotischen Skulptur, eine neue Körperlichkeit und Ausdrucksweise, inspiriert von französischen Kathedralskulpturen, erstmals im Reich nördlich der Alpen fassbar.

 

VMT: Gibt es Errungenschaften, die sich gerade der Opposition gegen die Stauferherrschaft verdanken?

 

EH: Hier wäre sicher das Städtewesen im Allgemeinen zu nennen, wie es sich in Oberitalien nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit der staufischen Oberherrschaft entwickelte mit allen einhergehenden Entwicklungen wie Ausbau interner Organisation, Ausdifferenzierung der städtischen Institutionen, Ausformung einer "inneren" Verfassung und Monopolisierung aller rechtmäßigen Herrschaftsausübung. Die Bindung an geschriebene Gesetze und Gebote sowie die Entwicklung eigener Verwaltung ermöglichte erst die Organisation des Kampfes gegen die Staufer. So konnte damit zum Beispiel Lebensmittelversorgung garantiert werden, war Aushungern unmöglich. Die Auseinandersetzung mit den Staufern brachte auch die Form des Städtebundes hervor: den Lombardenbund. Die rheinischen Städte wie Worms, Straßburg und Mainz werden im Machtvakuum nach dem Ende der Staufer 1254 den rheinischen Städtebund gründen und diese Organisationsform samt allen Vorteilen für ihre Mitglieder damit auch nördlich der Alpen einführen.

 

VMT: War die Rhein-Main-Neckar-Region den anderen deutschen Teilen des Reiches voraus?

 

EH: Den Vergleich mit anderen Reichsteilen nördlich der Alpen streben wir nicht an. Hier gibt es sicherlich noch andere Regionen, die in staufischer Zeit eine wichtige Rolle spielten: die Herzogtümer Bayern oder Österreich oder Sachsen zum Beispiel. Die Region an Rhein-Main und Neckar zeichnet sich aber durch eine außergewöhnlich hohe Dichte an Städten und fürstlichen Herrschaftsträgern auf engstem Raum aus, das ist sicherlich einmalig im nordalpinen Raum. Das Zusammenspiel der Herrschaften, die konsensuale Herrschaftsorganisation, macht die Region wiederum zu einer typischen Region des nordalpinen Reichs, daher ist der Vergleich mit den beiden, so komplett anders strukturierten Regionen in Italien so spannend.

 

Informationen zu den Ausstellungen und dem weiteren Festprogramm im Stauferjahr 2010 im Internet: www.staufer2010.de

 

Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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