Herzensangelegenheit

 

Von Kiel bis Kochel widmen sich zahlreiche Ausstellungen allen erdenklichen Facetten des Expressionismus

 

Verzerrte oder zersplitterte Formen in grellen, unnatürlichen Farben: Der einst von den Nazis als "entartete Kunst" verteufelte Expressionismus ist den Deutschen wie keine andere Kunstrichtung der letzten 100 Jahre ans Herz gewachsen. In den nächsten Monaten wird er mit zahlreichen Ausstellungen gefeiert.

 

Volker Rattemeyer, der Direktor des Museum Wiesbaden, charakterisiert den Expressionismus so: "Als Reaktion auf die Zerrissenheit des Großstadtlebens und die damit einhergehende Anonymität, Fremdbestimmung und Vereinsamung des Individuums entwickelten expressionistische Künstler aller Sparten Widerstand gegen bloß naturalistische und der äußeren Erscheinung verpflichtete Darstellungsweisen. Sie machten sich auf die Suche nach einer Erweiterung des künstlerischen Ausdrucksvermögens, das die Welt nicht nur abbilden, sondern im Akt des Schaffens, so die Vorstellung des Künstlers, neu gestalten sollte. Wichtigste Pole der expressionistischen bildenden Kunst in Deutschland waren einerseits die 1905 in Dresden gegründete, später in Berlin ansässige Künstlervereinigung 'Die Brücke' und andererseits die Künstler im Umfeld des 'Blauen Reiter' (1911-1914)", der seine Aktivitäten von München aus entfaltete.

 

An den von Franz Marc und Wassily Kandinsky initiierten Ausstellungen und dem Almanach des Blauen Reiters beteiligte sich August Macke, die Galionsfigur des rheinischen und westfälischen Expressionismus. Zu dessen bedeutendsten Vertretern gehören Christian Rohlfs, Wilhelm Morgner, Peter August Böckstiegel und Hermann Stenner. Ihr Schaffen stellt die Kunsthalle Bielefeld vor. Peter Neugebauer, dort Leiter des Referats Bildung und Kommunikation, kündigt an: Die Schau erweitert "das Bild der Avantgarde in Deutschland beträchtlich. Gerade in der Fülle der Präsentationen der üblichen Verdächtigen möchten wir auf die meist Übersehenen hinweisen."

 

Die Ausstellungen zu den Brücke-Künstlern konzentrieren sich in Norddeutschland. Karl Schmidt-Rottluff reiste regelmäßig an die Ostsee. Sie lieferte ihm zwischen 1906 und 1973 Anregungen zu Gemälden, Aquarellen und Holzschnitten, die nun in Lübeck ausgestellt sind. Erich Heckel wird auf Schloss Gottorf in Schleswig anlässlich seines 40. Todestags mit einer großen Retrospektive geehrt. Zu den 70 Gemälden aus allen Schaffensphasen gehören berühmte Werke wie "Rote Häuser" (1908) und "Mühle" (1909). Zudem werden zahlreiche Aquarelle gezeigt. Die wandern anschließend in die Kunsthalle Emden. Pressesprecherin Ilka Erdwiens berichtet: "Wir zeigen mit 70 Aquarellen und 25 Gemälden, wie Heckel von den spontanen Skizzen direkt vor der Natur dann über sorgfältig ausgeführte Aquarelle zu den charakteristisch verdichteten und durchkomponierten Gemälden kommt." Mit einem ähnlichen Konzept wartet die Ernst Ludwig Kirchner in der Hamburger Kunsthalle gewidmete Schau auf, wie Pressesprecherin Mira Forte erzählt: "Die Zusammenschau von Zeichnungen, Grafik und Gemälden veranschaulicht den Schaffensprozess des Künstlers von den ersten Skizzen bis zur endgültigen Ausführung der Gemälde."

 

Die Brücke-Künstler betrachteten den Akt als Grundlage aller bildenden Kunst. Den galt es, in freier Natürlichkeit zu studieren. Isabelle Schwarz, Pressesprecherin des Sprengel Museums Hannover, erläutert: "Den Künstlern ging es darum, die Kunst von allem Ballast der Tradition zu befreien und die engen Grenzen der bürgerlichen Lebensweise und Moral abzuschütteln." Dabei kamen ihnen die jugendlichen Modelle Fränzi (Jahrgang 1900) und Marcella (Jahrgang 1895) gerade recht, um einen "erweiterten Aktbegriff" zu entwickeln: Sie entdeckten die im Kind schlummernde, im Mädchen allmählich erwachende Frau. Das zeigen im Sprengel Museum Gemälde und Grafiken aus den Jahren 1909 bis 1911, die von Kirchner, Heckel und Pechstein geschaffen worden sind.

 

Max Pechstein wird in der Kunsthalle zu Kiel mit einer spektakulären Retrospektive gefeiert, an der die Erben Alexander und Julia Pechstein mit ihren Leihgaben entscheidenden Anteil haben. Vorgestellt wird der "ganze Pechstein". Das früheste Gemälde, das er mit zwölf Jahren malte, heißt "Geierwally" (1894), das letzte "Am Strand" (1954). Neben bekannten Meisterwerken aus führenden Museen der Welt werden zehn bislang der Öffentlichkeit unbekannte Gemälde gezeigt. Zu ihnen treten neu entdeckte Grafiken sowie Schmuckstücke, Mosaike und andere kunsthandwerkliche Arbeiten.

 

Zum Verhältnis von Brücke-Künstlern und den Vertretern des Blauen Reiters erklärt Volker Rattemeyer: "Beide Strömungen haben unterschiedliche Wurzeln und unterschiedliche Auswirkungen. Verkürzt gesagt, lässt sich die Kunst der Brücke eher einer figurativen, die Kunst aus dem Umfeld des Blauen Reiters eher einer auf Abstraktion zielenden künstlerischen Haltung zuordnen."

 

Ausstellungen in der Mitte und im Süden Deutschlands widmen sich dem Blauen Reiter. Erstmals präsentiert das Münchener Lenbachhaus seine herausragende Sammlung farbsprühender Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken von Franz Marc, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky, August Macke, Paul Klee und weiteren Künstlern des Blauen Reiters in einer umfassenden Schau. Marc und Klee lernten sich 1912 während der Vorbereitung der zweiten Ausstellung des Blauen Reiters kennen. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die für beider Entwicklung von herausragender Bedeutung war. Das veranschaulicht das Franz-Marc-Museum in Kochel mit illustrierten Briefen und Postkarten sowie mit Werken, die Marc und Klee einander verehrten.

 

"Das Geistige in der Kunst" nannte Wassily Kandinsky seine 1912 veröffentlichte kunsttheoretische Schrift. In ihr führt er aus, dass die Farben eine direkte Auswirkung auf die Seele des Kunstbetrachters haben und überdies die Formen die Wirkung der Farben beeinflussen. Unter dem Titel "Das Geistige in der Kunst" wird das Museum Wiesbaden eine Ausstellung zeigen. Ihr Ausgangspunkt ist der Sommeraufenthalt von Kandinsky und Münter, Jawlensky und Marianne von Werefkin 1908 in Murnau, während dem sie erste expressionistische Bilder hervorbrachten. Dann behandelt die Schau die Zeit des Blauen Reiters (1911-1914) und die Suche nach dem Ausdruck des Geistigen durch Farbe und Form. Nächste Station ist die "Blaue Vier". Dieser 1924 auf Initiative der Sammlerin und Kunsthändlerin Galka Scheyer gegründeten Ausstellungsgemeinschaft gehörten Kandinsky, Klee, Jawlensky und Lionel Feininger an. Scheyer machte deren Schaffen in den Vereinigten Staaten bekannt. Abschließend wird deren Wirkung auf die Malerei von Mark Rothko, Robert Motherwell und anderen Künstlern im Amerika der 1940er und 1950er Jahre veranschaulicht. Volker Rattemeyer erklärt: "Das bereits 1912 von Kandinsky hervorgehobene 'Geistige in der Kunst', ein Streben nach der Darstellung einer über die Lebenswelt hinausgehenden Realität, zeigt sich als das verbindende Element der hier vorgestellten Werke."

 

Dass an der Ausformung des Expressionismus Künstler aller Sparten beteiligt waren, wird eine Schau der Mathildenhöhe Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt zeigen. Kern der Ausstellung sind die Jahre 1918 bis 1921, in denen "Das Kabinett des Dr. Caligari" und andere herausragende Filme des Expressionismus gedreht wurden. Veranschaulicht wird, dass die Filme von der bildenden Kunst und Literatur, dem Theater und Tanz des Expressionismus stark beeinflusst worden sind - und ihrerseits eine außerordentliche Wirkung auf andere Kunstgattungen entfalteten.

 

Westfälischer Expressionismus. Kunsthalle Bielefeld, 31.10.2010 bis 20.2.2011. www.kunsthalle-bielefeld.de
Karl Schmidt-Rottluff: Ostseebilder. Museum Behnhaus Drägerhaus und Kunsthalle St. Annen, Lübeck, bis 5.9.2010.
Erich Heckel: Retrospektive. Schloss Gottorf, Schleswig, bis 29.8.2010. www.schloss-gottorf.de. Weitere Station: Brücke Museum Berlin, 19.9.2010 bis 16.1.2011
Erich Heckel: Vom Aquarell zum Gemälde. Kunsthalle Emden, 11.9.2010 bis 9.1.2011. www.kunsthalle-emden.de
Ernst Ludwig Kirchner. Hamburger Kunsthalle, 7.10.2010 bis 16.1.2011. www.hamburger-kunsthalle.de Der Blick auf Fränzi und Marcella. Sprengel Museum Hannover, 29.8.2010 bis 9.1.2011. www.sprengel-museum.de
Max Pechstein: Retrospektive. Kunsthalle zu Kiel, 19.9.2010 bis 10.1.2011. www.kunsthalle-kiel.de Der Blaue Reiter: Ein Tanz der Farben. Lenbachhaus München, bis 26.9.2010. www.lenbachhaus.de
Paul Klee und Franz Marc: Dialog in Bildern. Franz-Marc-Museum, Kochel, bis 3.10.2010. www.franz-marc-museum.de.
Weitere Station: Stiftung Moritzburg Halle, 24.10.2010 bis 9.1.2011 Das Geistige in der Kunst: Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus. Museum Wiesbaden, 31.10.2010 bis 27.2.2011. www.museum-wiesbaden.de
Gesamtkunstwerk Expressionismus. Mathildenhöhe Darmstadt, 24.10.2010 bis 13.2.2011.

 

Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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