Zehn Gebote und elf Jünger

 

Joseph Beuys wird in Bedburg-Hau und Düsseldorf mit Ausstellungen geehrt, Münster präsentiert das Schaffen seiner Nachfolger

 

Es mag Zufall sein: Aber sowohl das Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau als auch das K 20 in Düsseldorf stellen die künstlerische Botschaft von Joseph Beuys (1921-1986) in zehn Abteilungen oder mit zehn Hauptwerken dar. Dass sie auf fruchtbaren Boden gefallen ist, zeigt das Landesmuseum Münster mit aktuellen Arbeiten von elf internationalen Künstlern.

 

Der für das Schaffen von Beuys zentrale Gedanke des "Energieplans" ist Thema der Schau im Schloss Moyland. In zehn Themenräumen wird er anhand von 200 Zeichnungen, die vornehmlich aus dem Frühwerk stammen, vorgestellt. Ausgangspunkt ist das physikalische Verständnis von Energie, wie etwa das Doppelblatt "Wärmestrahlung (EURASIA)" (Bleistift, 1963) zeigt. Neben naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stützt sich der Energieplan auf vorwissenschaftliche, mythische und irrationale Denkweisen. Die "Hüterin des Schlafs" (Bleistift, 1961) verkörpert seelische und geistige Energien, den Mythos Tier beschwört die glühend rot getuschte Silhouette eines Elches (unbetitelt, 1974). Soziale Wärmeprozesse verkörpern drei nackte Gestalten am Lagerfeuer (Tusche, 1945). Und in der Abteilung Lebensschwellen, Todesbewusstsein verweist das Blatt "Mann und Frau" (Bleistift und verdünnte Beize, 1956) auf Diesseits und Jenseits, Körperlichkeit und Entmaterialisierung.

 

Stefanie Heckmann beurteilt den "Energieplan" als Umschreibung der "Plastischen Theorie" von Beuys, "das heißt der neuen Funktion, die er der Plastik zuweist, um Spiritualität, Intuition und Kreativität wiederzuentdecken und mit ihrer Hilfe eine zukünftige Gesellschaft zu formen." Damit sind im Kern die Inhalte der "Sozialen Plastik" vorformuliert. Zu der äußerte Beuys: "Eine Gesellschaftsordnung wie eine Plastik zu formen, das ist meine und die Aufgabe der Kunst." Ihm schwebte eine Gesellschaft in Freiheit des Geisteslebens, gleicher Rechte für alle und der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben vor.

 

Die Kunstsammlung am Düsseldorfer Grabbeplatz nimmt unter dem Titel "Parallelprozesse" mit 300 Arbeiten das künstlerische Gesamtwerk von Beuys in den Blick. Die chronologische Abfolge von zehn Großskulpturen und Installationen wird flankiert von Zeichnungen, plastischen Bildern, Auflagenobjekten sowie Relikten, Dokumentationen und Videoaufnahmen von Aktionen.

 

Den Auftakt bildet ein mächtig geschunden aussehender weiblicher Torso (1949/51). Auch viele der folgenden Arbeiten wirken desolat, ärmlich und nachkriegshaft improvisiert. Wegen der Verwendung organischer Materialien, zu denen etwa Fußnägel, Schokolade oder Fett gehören, ist sein Werk "lebendig". Beuys erklärte: "Daher ist die Natur meiner Skulpturen nicht festgelegt und abgeschlossen. In den meisten von ihnen setzen sich die Prozesse fort: chemische Reaktionen, Gärungen, Farbveränderungen, Verfall, Austrocknung. Alles befindet sich im Zustand der Veränderung."

 

Zu den Höhepunkten des Rundgangs zählen die Installationen "Das Rudel" (1969), "Zeige deine Wunde" (1974/75) und die "Straßenbahnhaltestelle" (1976). Außergewöhnlich feierlich und glanzvoll nimmt sich die letzte Installation von Beuys aus: "Palazzo Regale" (1985). Sie erinnert an ein kostbar ausgestattetes Mausoleum. An den Wänden hängen mit Goldstaub überzogene Messingtafeln. Ungefähr in der Mitte des Raums steht eine Vitrine, in der wie ein ausgestreckt liegender Körper ein Eisenkopf mit schmerzhaft verzerrtem Mund und ein Luchsfellmantel arrangiert sind. Hinten in der linken Ecke steht eine zweite Vitrine, angefüllt mit Speck, Trockenfleisch und einem Rucksack mit Filzkeil. Beuys erklärte zu dieser Arbeit: "Ich wollte zwei in meinem Werk stets gegenwärtige Elemente hervorheben, von denen ich glaube, dass sie in jeder Handlung des Menschen enthalten sein sollten: sowohl das Feierliche der Selbstbestimmung des eigenen Lebens und der eigenen Gesten als auch die Bescheidenheit unserer Handlungen und unserer Arbeit in jedem Augenblick."

 

Melanie Bono, Kuratorin der Schau "Neue Alchemie" im Landesmuseum Münster, erzählt: "Über 20 Jahre nach dem Tod von Joseph Beuys lässt sich nun eine Entdeckung machen. Beim Gang durch Ateliers, Galerien und Messen sind allerorts Arbeiten zu sehen, die aus armen und geerdeten Materialien wie Ton, Gips, Holz und Ästen, Metallen, Steinen, angedeuteten oder echten Tiermaterialien und Stoffen gearbeitet sind." Schon die Anmutung der Materialien also legt die Assoziation an Beuys nahe. Statt um die endgültige Form geht es um Transformation, um Wandlungs- und Übergangsprozesse.

 

Das veranschaulichen die Werke von elf Künstlern. Über die urteilt Melanie Bono: "Eine magisch-energetische Qualität wird thematisiert", die assoziative Nähe zu archaischen Ritualen beschworen. Michael Stumpfs Objektarrangements etwa provozieren dramatische Assoziationen an eine Welt, die voller Gefahren steckt. Lässt sie sich durch magische Praktiken besänftigen? Stumpf versucht es jedenfalls. Aus Filz sind eine Wurzel und drei darauf getürmte Felsbrocken gefertigt, an denen ein angefressener silberner Tannenzapfen und ein Schweineohr baumeln. Eindrucksvoll ist auch Nina Carnells Installation mit 24 elektrifizierten Plastikwannen, angefüllt mit Wasser und mit Trommelfellen verschlossen. Als wollten die Wannen in Kontakt zueinander und auch zu uns treten, steigen aus ihnen Nebelschwaden auf, merkwürdige Geräusche sind zu hören. Co-Kuratorin Kathrin Ehrlich erklärt: Die Arbeit kann ganz im Sinne von Beuys "als Metapher gelesen werden für Fragen nach dem Individuum und der Gruppe und für gesellschaftliche Diskurse, Abläufe und Entwicklungen."

 

Zur Person: Joseph Beuys

Joseph Beuys wurde 1921 in Krefeld geboren. Im Zweiten Weltkrieg stürzte er 1944 während eines Einsatzes als Bordfunker über der Krim ab. Das war Anlass für die inzwischen widerlegte Legende, Krimtataren hätten ihm mit Fett und Filz das Leben gerettet. Nach dem Krieg wandte sich Beuys der Kunst zu und machte mit so spektakulären wie umstrittener Aktionen von sich reden. Der mehrfache documenta-Teilnehmer trug die Kunst hinaus ins Leben. Bestes Beispiel ist sein Beitrag zur documenta 7 (1982): "7000 Eichen", die er unter Beteiligung zahlreicher Bürger im Stadtgebiet von Kassel pflanzte. Beuys war Mitbegründer der Partei "Die Grünen". Er starb 1986 in seinem Atelier in Düsseldorf.

 

Joseph Beuys: Energieplan. Bis 20.3.2011 im Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, Bedburg-Hau. Bis 30.9. Di.-Fr. 11-18 Uhr, Sa., So. 10-18 Uhr. Anschließend Di.-So. 11-17 Uhr. Informationen: Tel.: 02824-951060, Internet: www.moyland.de. Der Katalog ist nur während der Laufzeit der Schau erhältlich. Er kostet im Museum 39 Euro und kann auch Online unter www.moylandshop.de für 42,50 Euro inkl. Eintrittskarte und Versandkosten bestellt werden
Joseph Beuys: Parallelprozesse. 11.9.2010 bis 16.1.2011, K 20, Grabbeplatz 5, Düsseldorf. Im benachbarten Schmela Haus ist die Aktion "Celtic" (1971) von Beuys in voller Länge von fünfeinhalb Stunden in großformatiger Video-Endlosschleife zu sehen. Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa. 11-22 Uhr, So. 11-18 Uhr. Informationen: Tel.: 0211-8381130, Internet: www.kunstsammlung.de. Der Katalog aus dem Schirmer-Mosel-Verlag kostet 49,90 Euro.
Neue Alchemie: Kunst der Gegenwart nach Beuys. 19.9.2010 bis 16.1.2011 im Landesmuseum Münster, Domplatz 10. Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr. Informationen: Tel.: 0251-590701. Internet: www.lwl-landesmuseum-muenster.de. Der Katalog erscheint im Wienand Verlag

 

Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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