Weißes Gold aus Meissen und Europa

Vor 300 Jahren wurde in Meissen die erste Porzellan-Manufaktur Europas gegründet. Acht große Ausstellungen werden das Ereignis feiern


Anno 1701 ließ der notorisch unter Finanzschwäche leidende August der Starke den Apothekerlehrling und Alchemisten Johann Friedrich Böttger in Gewahrsam nehmen. Denn der arme Kerl hatte sich selbst in Verdacht gebracht, aus weniger edlen Metallen gediegenes Gold herstellen zu können. Daran scheiterte er zwar. Doch es gelang ihm eine andere Sensation. Böttger glückte die Nacherfindung eines seit dem 7. Jahrhundert in China streng gehüteten Geheimnisses: die Herstellung von Porzellan.


Die Erfindung des als "Weißes Gold" gerühmten europäischen Hartporzellans ließ August, König von Polen und Kurfürst von Sachsen, am 23. Januar 1710 per Dekret verkünden und eröffnete in Meissen eine Porzellan-Manufaktur. Das Gründungsjubiläum ist in den nächsten Monaten Anlass für acht große Porzellan-Ausstellungen, die mit Prachtstücken aus Vergangenheit und Gegenwart ausgestattet sein werden.


Sitz der Meissener Porzellan-Manufaktur war von 1710 bis 1863 die Albrechtsburg. Dort wird am 8. Mai die Schau "Der Stein der Weis(s)en" eröffnet. Pressesprecherin Margrit Jahn erklärt uns den Titel: "Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, einer Substanz mittels derer man unedle Metalle in Gold verwandeln könne, erfand der Alchemist Johann Friedrich Böttger das europäische Pendant des chinesischen Porzellans." Die Schau dokumentiert die Entdeckungsgeschichte des Porzellans und seine Fertigung in der Albrechtsburg. Zudem stellt sie die Personen vor, die wichtige Beiträge zu Böttgers Erfindung beigesteuert haben. Hervorgehoben wird dabei der Physiker, Chemiker und Mineralforscher Ehrenfried Walter von Tschirnhaus, auf dessen grundlegende experimentelle Vorleistungen Böttger aufbaute.


Frühes Meissener Porzellan wird in der Albrechtsburg und mehreren weiteren Ausstellungen zu bewundern sein. Ohne Scheu vor Plagiatsvorwürfen aus dem fernen Osten zu haben, wurden anfangs chinesiche Figuren und Dekore kopiert, bevor die eigenständige Produktion einsetzte. Das veranschaulicht die am 24. Januar im Kölner Museum für Angewandte Kunst beginnende Schau "Meissen - Barockes Porzellan in Köln". Ausgestellt werden 300 äußerst seltene und kostbare Stücke aus dem 18. Jahrhundert, die ein rheinisches Sammlerpaar zusammengetragen hat. Ein kleiner weißer und ein kleiner brauner Porzellanelefant (um 1745), die dem berühmten Modelleur Johann Joachim Kaendler zugeschrieben werden, gehören zum prachtvollen Meissener Skulpturensortiment, das ebenso zierliche Liebespaare, Sänger und Schauspieler sowie Szenen aus dem alltäglichen Leben umfasst. Es folgen Galanterien wie Riechfläschchen und Schnupftabakdosen sowie für die europäischen Fürstenhöfe geschaffene Luxusgeschirre. Diese Porzellankunstwerke höchsten gestalterischen und malerischen Anspruchs zeigen mit feinsten Pinselstrichen aufgetragene Blumen- und Früchtedekore, heimische Landschaften und exotische Länder, geschäftige Europäer und Osmanen - und immer wieder Szenen aus dem fernen China.


Der berühmteste Meissener Porzellanmaler ist Johann Gregorius Höroldt. Von ihm und seinen Werkstattmitarbeitern sind 124 Musterblätter mit über 1000 Skizzen überliefert. Sie zeigen Chinoiserien, also an chinesischen Vorbildern orientierte Darstellungen. Zusammengefasst sind sie - benannt nach ihrem ehemaligen Besitzer - im "Schulz-Codex", der zu den größten Schätzen des Leipziger Grassi Museum gehört. Dieses stellt die Blätter ab dem 12. März erstmals komplett aus. Hinzu tritt frühes Meissener Porzellan, das nach diesen Vorlagen bemalt wurde.


In der Frühzeit der Meissener Porzellanherstellung war Manufakturbesitzer August der Starke sein bester Kunde. Für die Präsentation der Eigenproduktion und kostbarsten Porzellans aus China und Japan wollte er das Japanische Palais in Dresden zum Porzellanschloss umbauen lassen. Patricia Brattig, Kuratorin der Kölner Porzellan-Schau, erzählt: "Nur der Tod des Kurfürsten und Königs machte die ehrgeizigen Pläne zur Innenausstattung und Außenverkleidung des Palais' mit Porzellan zunichte." Nun aber zieht das um erlesene Leihgaben aus aller Welt bereicherte Porzellan Augusts für die ab dem 8. Mai gezeigte Sonderausstellung "Triumph der blauen Schwerter" doch noch ins Japanische Palais ein. Rund 700 Porzellane, die von 1710 bis 1815 für Adel und Bürgertum geschaffen wurden, vermitteln erstmals ein umfassendes Bild der Meissener Porzellankunst zwischen Barock und Biedermeier.


Der Titel der Schau im Japanischen Palais bezieht sich auf das Markenzeichen des Meissener Porzellans. Es ist das älteste Markenzeichen der Welt, das ununterbrochen bis heute in Gebrauch ist. Der Manufaktur ist das Museum of Meissen Art angeschlossene. Der Name betont, dass es sich bei den blauen Schwertern um eine Weltmarke handelt. Entsprechend heißt die ab dem 23. Januar laufende Jubiläumsschau "All Nations Are Welcome". Schon das am Eröffnungstag der Ausstellung im Original präsentierte Porzellan-Dekret Augusts ist viersprachig verfasst. Pressesprecherin Susanne Bochmann kündigt an: "Die Ausstellung zeigt die Manufaktur Meissen als Brücke zwischen Kulturen, Nationen und Religionen." Die historischen Stücke und Porzellankunstwerke der Gegenwart sind bestimmten Themen oder Ländern zugeordnet. Als Abgesandte Frankreichs zum Beispiel tritt Madame de Pompadour auf. Die Mätresse König Ludwigs XV. gab in Meissen Porzellandarstellungen ihrer Lieblingsschoßhündchen Ines und Mimi in Auftrag. Die zweite Schau des Museums zeigt ab dem 23. Januar den "Meissener Porzellan-Zoo". In ihm tummeln sich naturalistische und stilisierte Tierplastiken aus 300 Jahren.


Vergeblich trachtete August der Starke danach, dass Böttgers Porzellanrezeptur - das Arkanum - ein Betriebsgeheimnis bleibt. Aber schon 1718 eröffnete die Konkurrenz in Wien eine Porzellan-Manufaktur. Es folgten viele weitere königliche und fürstliche Gründungen. Deren Spitzenprodukte aus dem 18. Jahrhundert würdigt die Schau "Zauber des Zerbrechlichen. Meisterwerke der europäischen Porzellankunst". Am 9. Mai im Berliner Ephraim-Palais beginnend, werden 500 Prunkstücke aus den bedeutendsten Porzellanzentren gezeigt, etwa aus Berlin, Frankenthal und Nymphenburg, Sèvres, Doccia, Kopenhagen und St. Petersburg. Aufgezeigt wird die Vorbildhaftigkeit der Meissener Produkte für die der anderen Manufakturen - und die später gelegentlich in umgekehrter Richtung verlaufenden Anregungen.


Die größte und thematisch umfassendste aller Porzellan-Schauen aber findet ab dem 24. April an den beiden Standorten des Porzellanikon in Selb und Hohenberg an der Eger statt. Unter dem Titel "Königstraum und Massenware" sind 1000 Porzellane vom Barock bis zur Gegenwart angekündigt, die weltweit aus knapp 100 Institutionen und Sammlungen entliehen werden. Pressesprecherin Gabi Dewald hebt die drei Alleinstellungsmerkmale der Schau hervor: "Es wird die zahlen- und flächenmäßig größte Ausstellung sein, die es je zu dem Thema Porzellan in Europa gab. Wir zeigen die Ankerstücke der Porzellangeschichte. Und wir widmen uns allen Facetten des Porzellans in Tisch- und Wohnkultur, als Kunst und als Repräsentationsgegenstand, in Medizin und Technik, in Design und Architektur, in Entwicklung und Hochschulforschung." Persönlichkeiten der Geschichte werden mit ihrem Porzellanbesitz oder als Darstellung in Porzellan vertreten sein. So werden Teile des persönlichen Service von Zarin Katharina der Großen und die Toilettenschüsseln des Kaiserpaares Franz Josef und Elisabeth, genannt "Sisi", von Österreich-Ungarn zu sehen sein. Madame de Pompadour gibt sich in Porzellan als Allegorie der Freundschaft die Ehre, während der fast nackte Revuestar Josephine Baker im Bananenröckchen die Porzellanhüften kreisen lässt.


Die Ausstellungen
23.01.-31.12.2010: "All Nations Are Welcome" und "Der Meissener Porzellan-Zoo." Museum of Meissen Art, Meissen. Internet: www.meissen2010.com
24.01.-25.04.2010: "Meissen - Barockes Porzellan in Köln." Museum für Angewandte Kunst, Köln. Internet: www.museenkoeln.de
12.03.-13.06.2010: "Exotische Welten. Der Schulz-Codex und das frühe Meissener Porzellan." Grassi Museum, Leipzig. Internet: www.mvl-grassimuseum.de
24.04.-02.11.2010: "Königstraum und Massenware." Porzellanikon Selb und Hohenberg a. d. Eger. Internet: www.koenigstraumundmassenware.org
08.05.-31.10.2010: "Der Stein der Weis(s)en." Albrechtsburg, Meissen. Internet: www.der-stein-der-weissen.de
08.05.-29.08.2010: "Triumph der blauen Schwerter. Meißner Porzellan für Adel und Bürgertum 1710 bis 1815." Japanisches Palais, Dresden. Internet: www.skd.museum
09.05.-29.08.2010: "Zauber der Zerbrechlichkeit. Meisterwerke europäischer Porzellankunst." Ephraim-Palais, Berlin. Internet: www.stadtmuseum.de


Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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