Weg zum Licht

 

Anlässlich von Philipp Otto Runges 200. Todestag wartet Hamburg mit einer umfassenden Werkschau des Frühromantikers auf

 

Mit gerade einmal vier Kupferstichen machte Philipp Otto Runge (1777-1810) zu Lebzeiten auf sich aufmerksam. Die auffallend großformatigen Blätter (1805) weiten "Morgen" und "Abend", "Tag" und "Nacht" in göttlich kosmische Dimensionen. Der Rest seines Schaffens blieb der Öffentlichkeit verborgen. Erst nachdem Runges Witwe Pauline (1785-1881) einen Großteil seines künstlerischen Nachlasses der Hamburger Kunsthalle übereignet hatte, wurde seine enorme Bedeutung für die Geburt der deutschen Romantik deutlich.

 

Dank Schenkungen und Erwerbungen verfügt die Hamburger Kunsthalle inzwischen über fast alles, was Runge als Künstler hervorgebracht hat. Vom Rest wurden die besten Stücke für eine umfassende Werkschau ausgeliehen. Sie weist über 300 Arbeiten auf, darunter zahlreiche Zeichnungen, um die 40 Scherenschnitte und alle Ölgemälde. Das sind noch 35 Stücke. Die anderen gingen 1931 beim Brand in einer Münchener Ausstellung unter.

 

Runge bereitete seine nicht eben zahlreichen, dafür aber umso gedankenvolleren Projekte in langen Reihen von Zeichnungen gründlich und zeitraubend vor. Dem trägt die Schau Rechnung, wie Pressesprecherin Mira Forte erläutert: "Sich von der ersten Ideenskizze bis zum fertigen Gemälde vorantastend, soll dem Ausstellungsbesucher der Eindruck vermittelt werden, dem Künstler quasi bei der Arbeit über die Schulter zu schauen."

 

Zum Auftakt des Rundgangs stellt sich uns der Künstler in mehreren Selbstbildnissen vor. Überhaupt nehmen Porträts - bevorzugt von Verwandten und Freunden - in seinem Schaffen breiten Raum ein. Auf dem Gemälde "Die Lehrstunde der Nachtigall" (1801-1803) stellt er uns seine Gattin Pauline vor. Auch seine alten Eltern hat er auf einem Bildnis (1806) verewigt. Mitsamt zweier Enkelkinder haben sie sich für einen Spaziergang fein gemacht. Insbesondere die einfühlsame Darstellung von Kindern war eine Spezialität Runges. Eines seiner Meisterwerke zeigt die "Hülsenbeckschen Kinder" (1805-1806) in Lebensgröße. Der Vierjährige blickt uns offen an und schwingt die Spielzeugpeitsche. Seine neben ihm stehende fünfjährige Schwester wendet den Blick fürsorglich zurück auf den Kleinsten, der im von ihnen gezogenen Leiterwägelchen sitzt und das Blatt einer Sonnenblume ergriffen hat.

 

Blumen nehmen einen hohen Rang in Runges Kunst ein, da er sie "als Relikte aus einer paradiesischen Zeit" wertete, wie Ausstellungskurator Markus Bertsch erklärt. Ihnen hat er elegante Scherenschnitte gewidmet. Und in seinem Gemälde "Ruhe auf der Flucht" (1805-1806) sitzt Maria mit dem im Licht der aufgehenden Sonne liegende Jesuskind unter einem blühenden Tulpenbaum. Im Geäst hockt ein Engelchen mit einer weißen Lilie in den Händen.

 

Kleine Kinder und Engel, die Lilie und das Licht sind die zentralen Bildelemente, denen man in den drei Runges Hauptwerk gewidmeten Räumen begegnet. Den Auftakt bilden die 1802 bis 1807 geschaffenen Zeichnungen und Kupferstiche von "Morgen" und "Abend", "Tag" und "Nacht", berühmt als Zyklus der "Zeiten". Sie gelten als das gedankenvollste und komplexeste bildkünstlerische Werk der deutschen Romantik, versinnbildlichen sie doch den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, der Lebens- und Weltalter.

 

In der Mittelachse des "Morgen" wächst eine von Kinderchen bevölkerte Lilie empor. Die ganz oben auf den Blütenstempeln stehenden Kleinen versinnbildlichen die Heilige Dreifaltigkeit. Damit weist uns Runge auf die grundsätzliche Aufgabe hin, die er der Kunst zugewiesen hat: Sie soll "einen deutlichen Begriff unseres großen Zusammenhangs mit Gott" geben. Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle, ergänzt: "Das Kunstwerk als Reflex des unendlichen Zusammenhangs der Welt - für diese Grundidee der romantischen Kunst verwendete Runge den Begriff des 'Göttlichen' jenseits aller Religionen." Und das eben ist das Neuartige an der romantischen Kunst.

 

Während Runge den "Tag" als "schwere Geburt" bezeichnete, beurteilte er den "Morgen" als "bei weitem das Beste", was er je geschaffen habe. Und so machte er sich daran, ihn in abgewandelter Form in Öl zu malen. Schon aus der Ferne strahlt am Ende der drei dem Hauptwerk gewidmeten Räume "Der große Morgen". Er blieb unvollendet, wurde später in neun Teile zerschnitten und stellt sich heute als wieder zusammengesetzte Bildcollage mit erheblichen Fehlstellen dar.

 

Aussagekräftiger ist die ihm vorangegangene vollendete Gemäldefassung, die wegen ihres geringeren Format als "Der kleine Morgen" (1806-1808) bezeichnet wird. Im Zentrum des Binnenbildes befindet sich die Figur der Göttin der Morgenröte, hinter der einer "Lichtlilie" mit Kinderchen aufstrebt. Oben versinnbildlichen geflügelte Köpfe die Heilige Dreifaltigkeit. Unten liegt ein nacktes kleines Kind im Sonnenlicht. Das Binnenbild ist mit gemalten Darstellungen umrahmt. Die unten abgebildete Sonnenfinsternis ist Sinnbild des Opfertodes Christi. Die seitlichen Leisten aber zeigen den Aufstieg der Seelen zu Gott als Weg zum Licht. Man kann Ausstellungskurator Bertsch nur zustimmen: Die Fassungen des "Morgen" sind die Summe von Runges Kunst.

 

Zur Person: Philipp Otto Runge

Philipp Otto Runge wurde 1777 im pommerschen Wolgast als neuntes von elf Geschwistern geboren. Sein Vater hatte es als Schiffsreeder und Kaufmann zu Wohlstand gebracht. Mit 20 Jahren beschloss Runge, Maler zu werden. Fortan war er auf finanzielle Zuwendungen der Verwandten angewiesen. Wie seine Freunde, der Maler Caspar David Friedrich und der Dichter Ludwig Tieck, war Runge ein herausragender Wegbereiter der deutschen Romantik. Den Brüdern Grimm schrieb er zwei Märchen, gegen Napoleon verfasste er Pamphlete und über die von ihm entwickelte Farbenlehre korrespondierte er mit Goethe. Der mit Pauline Bassenge verheiratete Runge starb mit nur 33 Jahren in Hamburg an der Schwindsucht. Das Paar hatte vier Kinder, von denen das jüngste einen Tag nach Runges Tod zur Welt kam.

 

"Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik": Bis 13.3.2011 in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall. Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr. Informationen: 040-428131200, Internet: www.hamburger-kunsthalle.de. Weitere Station: München, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, 13.5.-4.9.2011. Literatur: Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet 39,90 Euro. Philipp Otto Runge: Briefwechsel, Verlag E. A. Seemann, 29,90 Euro. Philipp Otto Runge: Scherenschnitte, Schirmer/Mosel Verlag, 19,80 Euro

 

Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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