Die Magie des Dschungels

Dem genialen Naiven Henri Rousseau ist in Riehen bei Basel eine faszinierende Ausstellung gewidmet


"Rousseaus Bilder sind die große Attraktion. Hunderte stehen vor ihnen und lachen. (...) Aber hin und wieder sieht man einige junge Menschen sehr ernst und sehr nachdenklich diese Bilder betrachten", wie sich der Galerist und Kunstschriftsteller Wilhelm Uhde erinnerte. Er verfasste kurz nach dem Tod Henri Rousseaus (1844-1910) dessen erste Monografie. Die Gemälde Rousseaus wurden früher im Schreibwarenladen seiner Frau und auf dem Trödelmarkt verscherbelt. Heute gehören sie zu den wertvollsten Schätzen bedeutender Museen in aller Welt. Rund 40 seiner schönsten Bilder vereint eine Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.


Viele Jahre arbeitete Rousseau als Angestellter beim Pariser Lebensmittelzoll und betätigte sich als Hobbymaler. Doch dann entschloss er sich, in Frührente zu gehen. Fortan bezeichnete er sich als "Kunstmaler". Anfangs sorgten seine Bilder auf Ausstellungen für Heiterkeit. Uhde berichtet: "Menschen werden durch die gemeinsame spaßige Stimmung bekannt und grüßen sich seitdem, sobald sie sich begegnen." Aber mit der Zeit fanden die Gemälde Anerkennung bei einigen Kunstkritikern. Sie lobten die Bilder als "köstlich naiv", womit die Vorstellung von der "Aufrichtigkeit" und der "Unschuld des Malers" verbunden war.


Der belächelte oder mit gönnerhaftem Lob bedachte Rousseau hatte keinen Zweifel an seinem großen Können, wie aus seiner 1895 schriftlich niedergelegten Selbstdarstellung hervorgeht: "Er hat sich immer mehr in dem originalen Stil vervollkommnet, den er vertritt, und ist dabei, einer unserer besten realistischen Maler zu werden." Sein Realismus ist freilich recht eigenwillig. Die Porträtierten erkannten sich auf den Gemälden kaum wieder. Oft hat ihnen Rousseau so extrem schlecht getroffene Katzen oder Hunde zugesellt, dass es schon wieder genial ist. Das Gemälde "Der Wagen des Vaters Junier" (1908) etwa zeigt den Maler und die Familie Junier beim Sonntagsausflug in einer Kutsche. Auf dem Schoß einer der Frauen sitzt ein unheimliches graues Wesen, das gehörnt zu sein scheint und uns die Zunge herausstreckt. Ist es der Teufel - oder nur ein hechelnder Hund mit aufgestellten Ohren?


Derlei Merkwürdigkeiten tragen wesentlich zur Faszination bei, welche die Gemälde ausüben. Warum nur stützt sich die würdevolle, fast lebensgroß dargestellte junge Frau auf einen umgedrehten Zweig mit verwelkten Blättern? Picasso beeindruckte dieses "Porträt einer Frau" (1895) so sehr, dass er es 1908 bei einem Trödler für fünf Francs erstand und bis zu seinem Lebensende 1973 in Ehren hielt. Nach dem Kauf veranstaltete er ein feuchtfröhliches Bankett, bei dem der auf einem improvisierten Thron sitzende Rousseau während der unzähligen auf ihn ausgebrachten Toaste "vor Freude überwältigt", so Uhde, einschlief.


Aber nicht so sehr den Porträts und auch nicht den kleinformatigen Gemälden, welche die Parks und das Umland von Paris zeigen, verdankt der von Picasso und anderen jungen Avantgardisten "der Zöllner" genannte Rousseau seinen hohen kunstgeschichtlichen Rang. Den hat er vielmehr seinen überwältigenden großformatigen Dschungelbildern zu verdanken. Anregungen zu ihnen vermittelten Rousseau Fotografien und Besuche im Gewächshaus. Er äußerte: "Ich weiß nicht, ob es ihnen auch so geht wie mir, aber wenn ich in diesen Treibhäusern bin und die seltsamen Pflanzen aus exotischen Ländern sehe, dann meine ich, dass ich in einen Traum komme."


Mit seinen gemalten Dschungelträumen wurde er zu einem entscheidenden Wegbereiter der Moderne. Kurator Philippe Büttner urteilt im Ausstellungskatalog: "Rousseau aber eröffnete einen neuen Zugriff auf das imaginär Geschaute." Er "lehrte die Moderne, das Unbekannte aus formalen Bausteinen des Bekannten zu errichten."


In seinen letzten Lebensjahren hatte Rousseau großen öffentlichen Erfolg mit diesen Gemälden der wilden Natur. Das erste Bild, das in den Kunsthandel gelangte, heißt "Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope" (1905). Es wurde 1906 vom renommierten Kunsthändler Ambroise Vollard für 200 Francs erworben und gehört heute zum Besitz der Fondation Beyeler. Auf sechs Quadratmetern Bildfläche spielt sich bei Sonnenuntergang eine blutrünstige, surreal wirkende Szene ab. Wie von einem Schlaglicht erhellt, reißt im Bildzentrum der Löwe seine Beute, die darüber eine Träne vergießt. Richtig unheimlich aber geht es drumherum im Halbdunkel der üppigen Vegetation zu. Rechts lauert ein Panther darauf, etwas abzubekommen. Zwei im Geäst sitzende Raubvögel haben sich ihren Anteil schon aus der Antilope herausgerissen. Aber was nähert sich da von links? Vom Blattwerk teilweise verdeckt, tritt ein zotteliger Riesenaffe hinzu, dessen Maul vogelschnabelartig vorspringt!


Die Schau wartet mit weiteren fantastischen Bildszenen auf, in denen sich Rousseau frei nach Charles Darwin dem "Kampf ums Überleben, dargestellt durch Tiere" widmete, wie er es nannte. Das allerbeste Gemälde jedoch beschwört eine Atempause im Daseinskampf. Von der "Schlangenbeschwörerin" (1907), ehemals in Besitz der Mutter des berühmten Malers und Rousseau-Verehrers Robert Delaunay, geht eine unwiderstehliche Magie aus. Bei Vollmond steht eine bis auf den Umhang nackte Schwarze vor einem Gewässer am Dschungelrand. Zur Befriedung der Wildnis spielt sie die Flöte. Rechts im Geäst hebt eine Riesenschlange den Kopf. Ein kleineres Exemplar hat sich wie eine Stola um die Schultern der Schlangenbeschwörerin gelegt. Weitere haben sich vom Boden aufgerichtet. Und auch die schlauchartigen Uferpflanzen scheinen sich im Takt der Melodie schlangengleich zu wiegen. Am meisten aber berührt einen der Anblick der Nackten. Denn bei längerem Hinsehen wandelt sich deren schwarze Silhouette zum üppig gerundeten Körper. Ihre Augen beginnen zu leuchten und scheinen uns nicht mehr loszulassen. Naive Malerei? Nein: Einfach geniale Kunst.


Zur Person: Henri Rousseau

Henri Rousseau wurde 1844 in der französischen Provinz als Sohn eines Eisenwarenhändlers geboren. In Paris arbeitete er erst als Schreiber bei einem Gerichtsvollzieher, dann bei der städtischen Zollbehörde. Mit 49 Jahren ging er in den Ruhestand, um sich fortan als Kunstmaler und Musiklehrer zu betätigen. Unter den Künstlern galt er mit seinen als "naiv" beurteilten Gemälden als Außenseiter. Das waren damals auch die jungen Avantgardisten, die als erste seiner Malerei Wertschätzung entgegenbrachten. Die des Schriftstellers und Bürgerschrecks Alfred Jarry fiel freilich ziemlich eigenwillig aus, benutzte er doch sein von Rousseau gemaltes Porträt als Zielscheibe. Frühe pflegliche Sammler von Rousseaus Gemälden waren hingegen die Maler Pablo Picasso und Robert Delaunay. In Deutschland fand "der Zöllner" erste Würdigung durch Franz Marc und Wassily Kandinsky, die in ihrem Almanach "Der Blaue Reiter" (1912) sieben Gemälde Rousseaus abbildeten. Später beriefen sich Max Ernst und weitere Surrealisten auf ihn als künstlerisches Vorbild. Der zweimal verheiratet gewesene Rousseau hatte mit seiner ersten Frau neun Kinder, von denen ihn nur eine Tochter überlebte. Er selbst starb 1910 an einer Blutvergiftung. Zu Henri Rousseaus Beerdigung kamen nur sieben Person. Unter ihnen war der Schriftsteller und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire, der folgendes Epitaph verfasste: "Freundlicher Rousseau, du hörst uns. / Wir grüßen dich, / Delaunay, seine Frau, Monsieur Queval und ich. / Lass unsre Koffer zollfrei durch die Pforte des Himmels. / Wir bringen dir Pinsel, Farben und Leinwand, / Damit du malest in der geheiligten Muße des wahren Lichts, / Wie einst mein Bildnis, / Das Angesicht der Sterne."


Bis 9.5.2010. Fondation Beyeler, Baselstraße 101, CH-4125 Riehen/Basel. Täglich 10-18 Uhr, Mi. 10-20 Uhr. Informationen: Tel: +41(0)61 6459700, Internet: www.beyeler.com. Der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag kostet in der Ausstellung 64 CHF, im deutschen Buchhandel 39,80 Euro


Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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