Komische Figuren

Joan Miró ist in Baden-Baden eine Schau mit hochkarätigen Leihgaben aus aller Welt gewidmet


Ein eigentümliches Empfangskomitee erwartet uns vor dem Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Die beiden komischen Figuren wurden vom weltberühmten spanischen Künstler Joan Miró (1893-1983) in seinen letzten Lebensjahren geschaffen. Die in die Breite gehende Gestalt trägt den Titel "Frau", die phallisch schlank aufstrebende heißt "Frau mit Vogel". Sie sind aus Körben sowie anderen überarbeiteten und anschließend in Bronze abgegossenen Fundstücken aufgetürmt.


Das Sexualisierte und Mehrdeutige, das Ungeheuerliche und zugleich ins Komische gezogene dieser Figuren stimmt bestens auf die Leitmotive der Miró im Museum gewidmeten Schau ein. Ausgestellt sind 100 Werke aus sechs Jahrzehnten von 30 Leihgebern aus aller Welt. Den Schwerpunkt bilden Gemälde, bereichert um Grafiken, Skulpturen und bemalte Keramiken.


Pablo Picasso prophezeite seinem Freund Miró: "Nach mir bist du es, der neue Türen öffnet." Die ältesten Bilder, ausgestellt im Obergeschoss, deuten dies nur in Spuren an. Auffälligstes Merkmal von Gemälden wie "Mont-roig, Kirche und Dorf" (1919) ist der penible Detailreichtum der Schilderung. Nur in der Darstellung der Vegetation macht sich eine Tendenz zur Stilisierung und Zeichenhaftigkeit bemerkbar, die zum unverwechselbaren Kennzeichen seines weiteren künstlerischen Wegs werden.


Erster Höhepunkt auf diesem Weg ist das Gemälde "Die Weinflasche" (1924). Auf beigem Grund, der an eine Einöde ohne Himmel denken lässt, ragt eine Flasche auf, deren Öffnung wie ein Auge wirkt. In der Flasche erhebt sich ein grüner Vulkan, dessen glühende Ausdünstungen von Schlangenlinien in Rot ud Gelb bezeichnet werden. Von links unten kriecht eine Art Schlange mit Schnurrhaaren am Maul ins Bild. Rechts breitet ein Rieseninsekt seine bunten Flügel aus. Punkte und Linien, spitze und abgerundete Formen erwecken widersprüchliche Assoziationen an Berge, Schnee, Hitze und Wind.


Damit hat Miró seine unverwechselbare Bildsprache gefunden, die er unablässig variieren und gelegentlich erweitern wird. Mit schwarzen Linien umrissene bizarre Wesen, teils farbig ausgemalt, teils transparent, so dass der einfarbige Untergrund durchscheint, bevölkern seine Bilder. Ganze Paraden dieser merkwürdigen Wesen treten in Erscheinung. Im Gemälde "Malerei - Frau, Mond, Sterne" (1949) haben sie sich unter einer grünen Mondsichel und den aus sich überkreuzenden schwarzen Linien gebildeten Sternen zusammengefunden.


Miró erklärte: "Für mich ist Form niemals etwas Abstraktes, es ist immer ein Zeichen von etwas. Es ist immer ein Mensch, ein Vogel oder sonst etwas. Für mich ist Form niemals Selbstzweck." Darin besteht der Reiz dieser Bilder: Man deutet die Formen, "sieht" in ihnen Dinge oder Wesen, die komisch, bizarr, verstümmelt, geil oder bedrohlich wirken. Und gewiss deutet jeder Betrachter die Erscheinungen der Bildfläche auf seine Weise.


Im hohen Saal des Erdgeschosses sind Mirós Großformate versammelt. Aus farbenfroh bemaltem Stahl ist die Skulptur "Die Liebkosung eines Vogels" (1967) aufgetürmt. Der Abguss eines auf den Krempenrand gestellten Strohhuts wird zum Kopf einer Frau. Deren enormes Geschlechtsteil wird von der Abformung eines rot bemalten, mit der Innenseite nach außen gekehrten Schildkrötenpanzers gebildet. Recht düster gibt sich hingegen das Monumentalgemälde "Frauen, Vögel" (1973). Im grauen Kosmos entdeckt man zwischen aggressiv wirkenden schwarzen Spritzern farbmatte Gestirne. Für den überwältigenden Bildeindruck aber sorgen dämonische schwarze Riesenwesen.


An den Untergang des Universums gar lässt das extrem schlanke Querformat "Die Nacht" (1974) denken. Die Mondsichel leuchtet in Blau, kleine Punkte in Rot, Orange, Violett, Gelb und Grün markieren weit entfernte Sterne. Von unten stößt diagonal nach links ein schwarzer Keil ins Bild. Er scheint eine Katastrophe ausgelöst zu haben: Die Abfolge schwarzer Spritzer und Flecken wirkt wie eine explosive kosmische Kettenreaktion. Diese enorme Bildwirkung hat Miró mit geringem malerischen Aufwand erzielt. Den treffenden Kommentar dazu lieferte er selbst: "Ich möchte mit einem Minimum an Mitteln größtmögliche Intensität erreichen. Deswegen mache ich meine Bilder immer kahler, leerer."


Bis 14.11.2010 im Museum Frieder Burda, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden. Di.-So. 10-18 Uhr. Informationen: Tel.: 07221-398980, Internet: www.museum-frieder-burda.de. Der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag kostet 24,80 Euro.


Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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