Klugheit, Witz und Gottvertrauen

Als Wünschen noch geholfen hat: Die Wiedereröffnung des Kasseler Brüder Grimm-Museums wird mit einer Sonderschau über die Kinder- und Hausmärchen gefeiert


Kassel bezeichnet sich stolz als "Hauptstadt der Brüder Grimm". Denn dort verbrachten Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) nach eigener Einschätzung als Märchensammler und Begründer der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft "die arbeitsamste und vielleicht auch fruchtbarste Zeit" ihres Lebens. Dessen Stationen sind von der Geburt in Hanau bis zu ihrer letzten Wirkungsstätte Berlin im Kasseler Brüder Grimm-Museum dokumentiert. Nach zweijährigen Sanierungsarbeiten, die sich die Stadt 1,9 Millionen Euro kosten ließ, ist das in einem 1714 errichteten Palais residierende Museum wieder eröffnet worden.


Die ungeheure Popularität der Brüder Grimm bei Jung und Alt gründet auf "Aschenputtel", "Hänsel und Gretel", "Schneewittchen" und ihren anderen "Kinder- und Hausmärchen". Bernhard Lauer, der Leiter des Grimm-Museums, erklärt: "Neben der Luther-Bibel stellt die Grimmsche Märchensammlung das bekannteste und berühmteste deutsche Buch dar." Es wurde in 160 Sprachen übersetzt und hat weltweit eine Auflage von über einer Milliarde Exemplaren erreicht. Der erste Band mit 100 Märchen erschien 1812, der zweite, ebenfalls 100 Märchen umfassende Band wurde 1815 veröffentlicht. Die beiden so genannten "Handexemplare" der Kinder- und Hausmärchen, von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt, liegen als Allerheiligstes des Museums in einer Panzerglasvitrine. Lauer berichtet: "Die Bände enthalten zahlreiche handschriftliche Eintragungen, Verbesserungen und Quellenangaben beider Brüder. Auch kann man über die Handexemplare sehr schön die sprachliche und stilistische Arbeit an den Märchentexten verfolgen oder auch motivische Änderungen feststellen, zum Beispiel wenn in der ersten Ausgabe bei Schneewittchen die leibliche Mutter Schneewittchen umbringen will und in der zweiten Ausgabe diese dann zu einer Stiefmutter wird."


Im Erdgeschoss des Museums widmet sich die Sonderschau "Als das Wünschen noch geholfen hat" der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen, die dieses Jahr ihr 200. Veröffentlichungsjubiläum feiern. Zunächst wird belegt, dass die seit 1806 in Kassel und Umgebung Märchen sammelnden Brüder Grimm nicht die ersten waren, die volkstümliche Erzählungen nach schriftlichen und mündlichen Quellen aufzeichneten und bearbeiteten. Zum Aufgebot gehören neben den arabischen Sammlungen "Tausend und eine Nacht" und "Tausend und ein Tag" kostbare Erstausgaben wie "Die dreißig ergötzlichen Nächte" von Giambattista Straparola (1480-1558), Giambattista Basiles (1575-1632) "Das Märchen der Märchen" und Charles Perraults ( 1628-1703) "Feenmärchen". Einer der deutschen Vorläufer der Grimms war Johann Carl August Musäus (1735-1787), der in fünf Bänden seine "Volksmärchen der Deutschen" veröffentlichte.


"Aber mit der Märchensammlung der Brüder Grimm begann die systematische Aufsammlung der 'Poesie des Volkes'", wie Lauer betont. Rund 50 Beiträger lassen sich nachweisen. Unter ihnen befanden sich viele Töchter aus gutem Hause, was doch das Grimmsche Etikett "Volkspoesie" stark relativiert. Den Titel "Kinder- und Hausmärchen" erklären die Grimms in ihrer Vorrede so: "Kindermärchen werden erzählt, damit in ihrem reinen und milden Lichte die ersten Gedanken und Kräfte des Herzens aufwachen und wachsen; weil aber einen jeden ihre einfache Poesie erfreuen und ihre Wahrheit belehren kann, und weil sie beim Haus bleiben und forterben, werden sie auch Hausmärchen genannt." Oft handeln sie von Bewährungsproben und Reifungsprozessen. Und macht es nicht jedem Mut, wenn wenigstens im Märchen der Schwache über den Starken, der Arme über den Reichen triumphiert? Dazu braucht es - so die Botschaft der Brüder Grimm - nichts weiter als Klugheit und Witz, Beherztheit und Einfallsreichtum, Gottvertrauen, Treue und - wie schon der am Ende hocherfreut mit leeren Händen dastehende Hans wusste - etwas Glück zur rechten Zeit.


Ausgestellt sind neben den von den Brüdern Grimm handschriftlich festgehaltenen Erzählungen "Dornröschen" und "Schneewittchen" frühe Auflagen der zweibändigen "Großen Ausgabe" und der einbändigen "Kleinen Ausgabe", die 50 Märchen enthält. Erst diese mit sieben Illustrationen von Ludwig Emil Grimm ausgestattete Kleine Ausgabe, seit 1825 angeboten, machte aus dem vormaligen Ladenhüter einen Kassenschlager. Bereits 1825 erschien in Stuttgart der erste Raubdruck mit handkolorierten Nachstichen der Illustrationen Ludwig Emil Grimms. Zahlreiche weitere farbenfrohe Bilder zum "Froschkönig", auf den der Sonderausstellungstitel zurückgeht, zu "Aschenputtel", dem "Tapferen Schneiderlein", dem "Wolf und den sieben Geißlein" oder dem die Kleine Ausgabe beschließenden Märchen "Die Sterntaler" veranschaulichen im letzten Kapitel der Schau die internationale Illustrationsgeschichte von Grimms Märchen bis in unsere Tage.


Brüder Grimm-Museum, Schöne Aussicht 2, Kassel. Di.-So. 10-17 Uhr, Mi. 10-20 Uhr. Informationen: 9561-7872033, Internet: www.grimms.de. Die Sonderausstellung läuft bis zum 6. Mai 2012. Literatur: Bernhard Lauer: Die Brüder Grimm, Verlag des Brüder Grimm-Museums, 9,80 Euro. Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Eine Biografie. Rowohlt Berlin Verlag, 26.90 Euro. Anna Gorgulla: Die "Kinder- und Hausmärchen" im pädagogischen und politischen Diskurs ihrer Zeit. Huttenscher Verlag fünfnullsieben, 30 Euro.


Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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