Graubunte Majestät und Grausamkeit

 

Hans Holbein der Ältere: Die Graue Passion in ihrer Zeit. In einer Stuttgarter Schau brillieren Alte Meister

 

Die von Hans Holbein dem Älteren (um 1465-um 1524) in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts gemalte "Graue Passion" ist eines der großen Glanzlichter der altdeutschen Malerei. Stolzer Besitzer der zwölf den Leidensweg und Triumph Christi packend darstellenden Bildtafeln ist die Staatsgalerie Stuttgart. Die frisch restaurierten Werke stehen im Zentrum einer an Bildhöhepunkten reichen Schau. Sie umfasst rund 150 Tafelbilder und Grafiken sowie einige Skulpturen und Glasmalereien von Holbein, seinen Vorläufern und Zeitgenossen.

 

Die zwölf Tafeln Holbeins bildeten mit großer Wahrscheinlichkeit die klappbaren, doppelseitig bemalten Flügel eines dreiteiligen Altaraufsatzes. Dessen verlorener Mittelteil enthielt vermutlich eine geschnitzte Kreuzigungsdarstellung. Im geschlossenen Zustand waren auf der Außenseite sechs Szenen zu sehen, darunter die Gefangennahme, Geißelung und Dornenkrönung Christi. Den Auftakt der bei geöffneten Zustand sichtbaren Szenen bildete die Handwaschung des Pilatus. Auf Kreuzabnahme und Grablegung folgte der triumphale Höhepunkt: Die Auferstehung Christi.

 

Die sofort ins Auge springende Eigenart der Passionstafeln Holbeins ist die merkwürdige Farbgebung. In den ersten sechs Bilder beherrscht das Grau der Kleidung und Rüstungen die Szenerie. In den folgenden Darstellungen sind die Figuren durchgängig ockerfarben gekleidet. Diese für einen Passionszyklus einzigartige Farbgebung bewirkt einerseits einen Verfremdungseffekt, der das Bildgeschehen entrückt erscheinen lässt. Und andererseits lassen die Grau- und Ockertöne die in naturalistischen Hautfarben gestalteten Gesichter, Hände und entblößten Körperpartien umso lebendiger wirken - und steigern so die Ausdruckskraft der Gestik und Mimik der Akteure.

 

Mit eindrucksvollen Werken weist uns die Schau auf die Inspirationsquellen Holbeins und verwandte Bildstrategien seiner Zeitgenossen hin. Die so genannte "Steinmalerei" war im 15. Jahrhundert eine besondere Spezialität von Meistern aus den südlichen Niederlanden. Einfach umwerfend ist die Augentäuschung, die Jan van Eyck mit den beiden Bildtäfelchen der "Verkündigung an Maria" (zwischen 1435 und 1441) gelingt. Alles sieht aus wie aus Stein: Die Rahmung ebenso wie die darin eingefügte polierte schwarze Platte, in der sich die auf Sockeln stehenden Alabasterstatuetten der Jungfrau und des Erzengels Gabriel spiegeln. Doch alles ist Malerei!

 

Hans Memlings Bildpaar der "Verkündigung" (um 1467-1470) stellt Maria und den Erzengel in steinerne Rundbogennischen. An Steinmalerei erinnert die graue Kleidung der Figuren. Doch die vermeintlichen "Statuetten" sind durch die naturalistische Farbgebung von Haaren, Gesichtern und Händen verlebendigt. Vollends zum Leben erwacht scheinen die vier von Matthias Grünewald gemalten Heiligen der Standflügel des Frankfurter Heller-Altars (um 1509-1511). Haare, Haut, Kleidung und alles andere wirken täuschend echt. An ihnen befremdet nur, dass sie ausnahmslos in Grau gemalt sind.

 

In Hinblick auf das Figurenarrangement und die orientalisierende Kleidung der Schergen verdankte Holbein der in Kupfer gestochenen zwölfteiligen Passionsfolge (um 1475) von Martin Schongauer wichtige Anregungen. Eine weitere Inspirationsquelle waren die zwölf Kupferstiche der "Passion Christi" (um 1480), deren Schöpfer den Notnamen Monogrammist AG erhalten hat. Man betrachte nur den Judas, der sein im Profil gezeigtes, zur Fratze verzerrtes Gesicht fast schon obszön zum Kuss auf Jesu Antlitz vorreckt. Ebenso zeigt das Holbein auf seiner Tafel der "Gefangennahme". Christus verzieht beim Judaskuss keine Miene - nur seine Augen sind ganz leicht zum Verräter gewendet.

 

Diese mit einem Anflug von Traurigkeit zur Schau gestellte innere Ruhe Christi ist charakteristisch für die Graue Passion und bedingt deren eindringlich anrührende Wirkung. Christus bewahrt Haltung bei der "Verspottung" oder sei der Körper auch blutüberströmt wie bei der "Geißelung". Seine gedankenverlorene Gleichmütigkeit steht in schreiendem Gegensatz zu den gemeinen Visagen und den betriebsamen Gemeinheiten und Grausamkeiten seiner Peiniger. Traurig, aber gefasst nehmen die Seinen den jammervoll zugerichteten Körper Jesu vom Kreuz und betten ihn in den Sarkophag. Desto triumphaler aber nimmt sich die "Auferstehung" aus. Majestätisch steht Christus mit nunmehr fast wieder unversehrtem Körper vor uns. Entsetzt machen sich die Grabwächter davon. Bis auf die beiden, die noch an den Sarkophag gelehnt schlafen. Dieser hinter Christus platzierte Sarkophag weist zwei Siegel auf, die beide ein "H" als Monogramm Hans Holbeins tragen.

 

Bis 20.5.2011 in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30-32. Di. und Do. 10-20 Uhr, sonst außer montags 10-18 Uhr. Geschlossen am 24. und 25.12. Informationen: Tel.: 0711-470400, Internet: www.staatsgalerie.de. Der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag kostet in der Ausstellung 39 Euro

 

Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

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