Gefeiertes Scheusal

Rummel um Fritz und Friedrich. Am 24. Januar 1712 wurde König Friedrich II. von Preußen geboren. Sein 300. Geburtstag wird mit zahlreichen Ausstellungen und Publikationen begangen


Eigenlob stinkt. Aber gelegentlich ist es nachhaltig von Erfolg gekrönt. Das beweist das Beispiel König Friedrichs II. von Preußen (1712-1786). Der ernannte sich selbst zum "Großen", wie Jürgen Luh in seinem Buch "Der Große. Friedrich II. von Preußen" darlegt. Und er berichtet uns auch, wie es zur plump vertraulichen Bezeichnung "Alter Fritz" gekommen ist. Die setzte Goethe in die Welt.


Der große Fritz hat anlässlich seines 300. Geburtstags, der sich am 24. Januar jährt, eine Lawine von Ausstellungen losgetreten, wie sie noch kein anderer deutscher Fürst ausgelöst hat. Als Musenfreund präsentiert ihn zum Beispiel ab Januar das Berliner Musikinstrumenten-Museum mit einer Schau über die preußische Hofoper. Im Filmmuseum Potsdam startet zu seinem Geburtstag die Schau "Friedrich II. im Film". "Der König am Schreibtisch" heißt ab Juni in der Kunstbibliothek Berlin. Um die Legende, er habe die Kartoffel in Preußen eingeführt, geht es ab Juli im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Ab August wartet Schloss Rheinsberg mit "Friedrich ohne Ende" auf. Die drei zentralen Ausstellungsereignisse aber sind "Friederisiko", ab April im Neuen Palais von Potsdam, "Das Bild Friedrich des Großen bei Adolph Menzel" in der Alten Nationalgalerie und ebenfalls ab März die im Deutschen Historischen Museum Berlin laufende Präsentation zu seinem Mythos und Nachleben.


Kurator von "Friederisiko" ist der bereits als Buchautor erwähnte Jürgen Luh. Größtes Exponat der Ausstellung ist der Schauplatz selbst: Das von Friedrich II. bis ins Detail selbst geplante Neue Palais im Park Sanssouci. In rund 70 Räumen, die teils erstmals für das Publikum geöffnet werden, wird die Persönlichkeit des Preußenkönigs anhand von 500 Exponaten aus zwölf Blickwinkeln beleuchtet. Im Rampenlicht stehen etwa seine Landespolitik oder sein Tagesablauf, in dem seine geliebten Hunde eine bedeutende Rolle spielten. Im Blickpunkt stehen auch seine prinzipiell konfliktgeladenen Beziehungen zu anderen Menschen. Seinen ihn hart anfassenden Vater Friedrich Wilhelm I. hasste er. Den französischen Philosophen Voltaire hofierte er, verspottete ihn aber auch als Zitrone, die er auszupressen und dann wegzuwerfen gedenke. Mit seiner ungeliebten Ehefrau Elisabeth Christine, die er auf Anordnung seines Vaters 1733 heiraten musste, führte er nach erfolglosen Bemühungen um Nachkommen - "Ich teile das Schicksal der Hirsche, die gegenwärtig ihre Brunftzeit haben" - ab 1740 eine 46 Jahre währende Fernehe. Die drei genannten und viele weitere Personen stellt Josef Johannes Schmid in "Friedrich der Große. Das Personallexikon" vor.


Kurator und Buchautor Luh behauptet, Friedrich II. habe wiederholt alles auf eine Karte gesetzt - daher der Ausstellungstitel Friederisiko". Den begründet vor allem das Ausstellungskapitel "Risiko und Ruhm". Es handelt vom Siebenjährigen Krieg (1756-1763), den Friedrich II. trotz eigentlich aussichtsloser Lage gewann. Durch diesen Erfolg stieg Preußen zur europäischen Großmacht auf. Als Denkmal des Triumphes, den er vor allem seinen eigenen überragenden Fähigkeiten zuschrieb, ließ er das protzige Neue Palais erbauen. "Architektonisch ist der spätbarocke Bau auch für seine Zeit konventionell bis veraltet und kommt weniger als ein großer architektonischer Wurf daher denn als kastenförmiger Prunkbau." So urteilt Bernd Ingmar Gutberlet in seinem Buch "Friedrich der Große. Eine Reise zu den Orten seines Lebens."


Luh bewertet die Ruhmsucht als Hauptantriebsfeder des großen Friedrich. Das aber ist nicht etwa eine neue Erkenntnis, sondern gleichsam ein alter Dreispitz, wie er mitsamt Stock und abgewetztem Uniformrock zum öffentlichen Erscheinungsbild des Herrschers gehört haben soll. Bereits 1741, also ein Jahr nach dem Regierungsantritt von Friedrich II., schrieb der hannoversche Geheime Kriegsrat August Wilhelm Schwicheldt: "Unter den Hauptneigungen, so man an dem Könige wahrnimmt, stehet billig die Ruhmesbegierde obenan. Sein vornehmster Wunsch scheint darin zu bestehen, dass sein Name groß und bei der Nachwelt unsterblich und verewiget werde." Als Mitmensch soll er ein Scheusal gewesen sein: "Seinen Kitzel, jederman etwas unangenehmes und anzügliches unter die Augen zu sagen", bewertete Schwicheldt als "Kennzeichen des Mangels an Überlegung, mithin auch der Klugheit." Diese Charakterisierung und viele weitere Urteile von Zeitgenossen hat Jens Bisky in seinem Buch "Unser König" zusammengestellt und mit seiner eigenen Lebensbeschreibung von Friedrich II. gerahmt. Bisky betont, man solle sich "von zwei Postulaten ehrwürdiger Tradition verabschieden: Am meisten in die Irre führt die nationale Deutung." Denn für Friedrich, der weit besser französisch als deutsch sprach, lag ein deutscher Nationalstaat außerhalb seiner Vorstellungen. "Andere überschätzen den Autor Friedrich." Der "Philosoph von Sanssouci" schrieb übrigens auf Französisch und legte seine Manuskripte Voltaire zur Korrektur vor.


Der kinderlose Herrscher starb 1786 im Schloss Sanssouci. Eine Woche vor seinem Tod verfasste er seinen letzten Brief: "Und wenn man recht überlegt, was das Leben ist, so ist es nichts, als dass man seine Mitbürger sterben und geboren werden sieht." Der bei den Trauerfeierlichkeiten anwesende französische Graf Mirabeau schrieb verwundert: "Kein Gesicht, das nicht Aufatmen und Hoffnung verrät; kein Bedauern, kein Seufzer, kein Wort des Lobes. Damit also enden so viele gewonnene Schlachten, so viel Ruhm, eine Regierung von fast einem halben Jahrhundert, erfüllt von so vielen Großtaten!"


Doch die Verehrung und Verklärung ließ nicht allzu lange auf sich warten. Einen wesentlichen Anteil daran hat der Berliner Grafiker und Maler Adolph Menzel gehabt. Franz Kuglers populäres Buch "Geschichte Friedrichs des Großen" (1840) illustrierte Menzel mit fast 400 Holzstichen. Und sein stimmungsvolles Gemälde "Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci" (1850-1852) gehört zu den bekanntesten Werken der Friedrich-Huldigung überhaupt. Das Berliner Kupferstichkabinett und die Sammlungen der Nationalgalerie verfügen über den größten Teil der malerischen und grafischen Arbeiten, die Menzel über Friedrich II. geschaffen hat. Um Leihgaben bereichert, sind sie ab März in der Alten Nationalgalerie ausgebreitet. Angelika Wesenberg, Kustodin des Hauses, kündigt an: "Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen natürlich die elf Gemälde, die Menzel ab 1848 zum Leben Friedrich des Großen geschaffen hat. Sie werden vollständig zu sehen sein, die drei Kriegsverluste als Reproduktionen im Originalformat. Grafik wie Gemälde zeigen Friedrich als aufgeklärten Monarchen, als willensstarken Kriegsherren, als Freund der Philosophie und der Künste." In Menzels Augen war das "Scheusal" Friedrich II. ein guter Mensch: "Meine Intention war, den Fürsten darzustellen, den die Fürsten haßten, und die Völker verehrten, mit einem Wort: den alten Fritz, der im Volke lebt."


Jens Bisky hingegen beurteilt den Preußenkönig treffend als "den umstrittensten Monarchen der deutschen Geschichte, Vorbild und Schreckbild". Und so steht denn auch die ab März im Deutschen Historischen Museum präsentierte Schau zu Friedrichs Nachleben in Kunst, Politik und Geschichtsschreibung unter dem Motto: "verehrt, verklärt, verdammt". Christiana Brennecke, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin das Ausstellungsprojekt begleitet, erzählt: "Die Ausstellung lebt von der Breite des Rezeptionspanoramas, der Vielschichtigkeit, der unglaublichen Fülle an Friedrich-Objekten über die Jahrhunderte, die eine beständige Wiederkehr bestimmter Friedrich-Bilder" erkennen lässt. Rund 600 Exponate in dreizehn Themenräumen veranschaulichen etwa wie Friedrich II. im Kaiserreich zum Nationalidol aufstieg, von Konservativen und Monarchisten in der Weimarer Republik als Vertreter alter Werte verehrt und von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild für unbeugsamen Durchhaltewillen erklärt wurde. Nach 1945 wurde er zunächst als Kriegstreiber verdammt, später als Intellektueller mit künstlerischen, vor allem musikalischen Qualitäten gewürdigt.


Was den Umgang mit seinen sterblichen Überresten betrifft, gab sich der als ruhmsüchtig verschriene Friedrich II. erstaunlich bescheiden. In seinem Testament von 1752 legte er fest: "Sterbe ich in Berlin oder Potsdam, so will ich der eitlen Neugier des Volkes nicht zur Schau gestellt und am dritten Tag um Mitternacht beigesetzt werden. Man bringe mich im Schein einer Laterne, und ohne daß mir jemand folgt, nach Sanssouci und bestatte mich ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechterhand, wenn man hinaufsteigt, in einer Gruft, die ich mir habe herrichten lassen." Friedrich Wilhelm II., sein Neffe und Nachfolger, gab dem nicht statt. Er ließ seinen Vorgänger in der Potsdamer Garnisonskirche bestatten. Die Nazis verfrachteten ihn im Zweiten Weltkrieg zunächst in Görings Hauptquartier, dann in ein thüringisches Kalibergwerk. Von dort brachten ihn die Amerikaner in die Marburger Elisabethkirche. Die Nachfahren überführten ihn 1952 auf den Familienstammsitz Burg Hohenzollern. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde er in Anwesenheit des sich als "Privatmann" ausgebenden Bundeskanzlers Kohl an seinem 205. Todestag endlich wunschgemäß in der Gruft vor Schloss Sanssouci im Kreise von Diana, Hasenfuß und seinen anderen mit Grabplatten bedachten Lieblingshunden zur Ruhe gebettet.


Zur Person: Friedrich der Große

Friedrich II. wird am 24. Januar 1712 geboren. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch lässt ihn sein Vater, König Friedrich Wilhelm I., 1730 inhaftieren. Auf Anordnung seines Vaters muss Friedrich 1733 Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715-1797) heiraten. Er besteigt 1740 den preußischen Thron und beginnt den bis 1742 dauernden Ersten Schlesischen Krieg, in dem er das zum Reich der Habsburger gehörende Schlesien erobert. Im Zweiten Schlesischen Krieg, der von 1744 bis 1745 dauert, und im 1756 bis 1763 im Bündnis mit England gegen Österreich, Frankreich, Russland und Schweden ausgefochtenen Siebenjährigen Krieg verteidigt er erfolgreich die schlesischen Besitzungen. Zum Zeichen seines Triumphes lässt er 1763 bis 1769 das Neue Palais von Sanssouci erbauen. Im Vertrag von Petersburg besiegeln Preußen, Russland und Österreich 1772 die erste Teilung Polens. Friedrich fallen so Westpreußen, das Ermland und der Netzedistrikt zu. Im Bayerischen Erbfolgekrieg von 1778 bis 1779 marschiert Preußen in Böhmen ein, um einen Gebietszuwachs Österreichs zu unterbinden. Im darauf folgenden Frieden von Teschen bekommt Österreich das Inntal und garantiert dafür die preußische Erbfolge in Ansbach und Bayreuth sowie die der Wittelsbacher in Bayern. Friedrich II. stirbt am 17. August 1786 in Schloss Sanssouci.


Ausstellungen: "Friederisiko", 28.4.-28.10.2012, Neues Palais im Park Sanssouci, Potsdam, www.friderisiko.de
"... dem alten Fritz, der im Volke lebt": Das Bild Friedrich des Großen bei Adolph Menzel, 23.3.-24.6.2012, Alte Nationalgalerie, Berlin, www.smb.museum
"Friedrich der Große - verehrt, verklärt, verdammt ...": 21.3.-29.7.2012, Deutsches Historisches Museum, Berlin, www.dhm.de
Neue Publikationen: Jürgen Luh: Der Große. Friedrich II. von Preußen. Siedler Verlag, 19,99 Euro Jens Bisky: Unser König. Rowohlt Berlin Verlag, 19,95 Euro
Bernd Ingmar Gutberlet: Friedrich der Große. Eine Reise zu den Orten seines Lebens. Primus Verlag, 29,90 Euro
Josef Johannes Schmid: Friedrich der Große. Das Personallexikon. Verlag Philipp von Zabern, 29,99 Euro


Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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