Däumlinge und Strichfiguren

Alberto Giacomettis reifem Werk widmet Wolfsburg eine bemerkenswerte Schau


Der Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre beurteilte das Schaffen des Bildhauers und Malers Alberto Giacometti (1901-1966) als "Suche nach dem Absoluten". Pablo Picasso hingegen verspottete das Bestreben des Künstlerkollegen: "Giacometti will uns die Meisterwerke bedauern lassen, die er nie schaffen wird." Tatsächlich war der in Paris lebende Schweizer stets unzufrieden mit den Ergebnissen seiner künstlerischen Bemühungen. Gleichwohl hat er es mit seinen spindeldürren Figuren, deren Oberfläche aus unzähligen Dellen und Hubbeln besteht, zu Weltruhm gebracht.


Aber Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, wendet ein: "Sensationelle Rekordmeldungen großer Auktionshäuser wie im letzten Februar, als einer der Bronzegüsse des 'Stehenden Mannes' für 104,5 Millionen Dollar den Besitzer wechselte, verstellen den Blick auf die künstlerische und inhaltliche Bedeutung dieses eigenwilligen Künstlers, dessen Werk einen Meilenstein in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat."


Um den Blick für Giacomettis Werk zu schärfen, hat ihm Brüderlin im Kunstmuseum Wolfsburg eine 60 Skulpturen, 30 Gemälde und einige Zeichnungen der Jahre 1940 bis 1965 umfassende Retrospektive eingerichtet. Die Werke sind eindrucksvoll und anrührend. Bemerkenswert sind darüber hinaus die kuratorischen Bemühungen Brüderlins. Deren Ausgangspunkt ist eine Aussage Giacomettis: "Der Raum existiert nicht, man muss ihn Schaffen. (...) Um das Objekt zu erschaffen, höhlt man den Raum aus, und das Objekt seinerseits erzeugt einen Raum." Diese rätselhaften Künstlerworte interpretiert der Museumsdirektor in dem Sinne, dass Giacometti die Skulptur zum Ursprung des Raumes gemacht habe.


Die Raumfrage wiederum hat Brüderlin und seine Mitarbeiter zu einer schneeweißen Ausstellungsarchitektur angeregt, die aus einem Wechsel von Kabinetten und Passagen besteht. Mittels der "maßgeschneiderten Ausstellungsarchitektur" verspricht er uns Erkenntnisgewinn: "Die sorgfältig ausgewählten Werke erhalten somit den Raum, der ihre Ästhetik erweitert und verstärkt."


Gleich das erste Kabinett sorgt für Verblüffung. In der Mitte eines Podestes steht ein verschwindend kleines Etwas, das auf den ersten Blick wie eine alte Kaffeemühle aussieht, deren Zapfen die Kurbel fehlt. Der Blick aufs Werketikett belehrt uns eines Besseren: "Kleine Büste auf doppeltem Sockel" (Bronze, 1940/41). Giacometti hat mit diesem Winzling und anderen Däumlingen den Eindruck von Distanz in die Skulptur eingeführt. Egal, wie nahe man ihr käme: Man hätte immer das Gefühl, sie aus der Ferne zu sehen. Die Inszenierung aber will diesen Effekt betonen, indem sie die Skulptur weit von uns wegrückt. Damit entmündigt sie das Werk - das doch alles mitbringt, um seine ureigene Wirkung aus sich selbst heraus zu entfalten.


Das gilt ebenso für ein 60 Zentimeter hohes bronzenes Strichmännchen, das auf den Zehenspitzen steht und in sich gedreht ist. Dieser "Taumelnde Mann" (1950) soll uns sein Schwindelgefühl übermitteln. Dafür muss er aber nicht extra in einem kreisrunden Raum aufgestellt werden. Völlig abgeschmackt ist schließlich ein in Grau gestrichenes Kabinett, dessen Inszenierung uns offenbar das Gefühl von Melancholie und Tristesse vermitteln soll. Das ausladende Podest, hinter dem das von Joseph Marioni gemalte "Painting 1 - 75" (1975) an einen Blutsturz denken lässt, drängt den Besucher fast an die Wand. Auf ihm hocken sich wie Buddhas in der Selbstbetrachtung der Endlichkeit des Lebens die Bronzen "Büste eines sitzenden Mannes (Lothar II)" (1964/65) und "Büste eines sitzenden Mannes (Lothar III)" (1965) gegenüber.


Die Schau hat ihre schönen Momente überall dort, wo sich die Inszenierung nicht aufspielt. In einer Passage sind stehende Frauen (1947-1957) in unterschiedlicher Größe aufgereiht. Kerzengerade wachsen sie aus einem "Klumpfuß" hervor, spindeldürr, die Arme an die Seiten gelegt. Trotz ihrer desolaten Körperlichkeit, die an Werden und Vergehen gemahnt, vermitteln sie die Würde und den Ernst hoheitsvoller Priesterinnen. Wie eine komisch groteske Halluzination wirkt hingegen der "Große schmale Kopf" (1954): Auf ausladenden Schultern sitzt ein zusammengepresstes Haupt, das seine Porträthaftigkeit nur in der Profilansicht zu erkennen gibt.


Hat Giacometti lange Jahre seine Porträtgemälde und Büsten bis zur Unkenntlichkeit übermalt oder überformt, gewinnen die Gesichter der späten Werke eine neue Klarheit. Eindrucksvolle Beispiele sind die Bronze der "Großen sitzenden Frau II" (1958), deren Augen ebenso bezwingend sind wie die des Gemäldes "Figur III (Caroline)" (1963), das an eine Heiligendarstellung erinnert. Den kuriosen Abschluss des Rundgang bildet ein Ensemble aus dem letzten Lebensjahr Giacomettis. Die drei "Büsten eines Mannes (genannt New York)" (1965) scheinen die Gesichtszüge Abraham Lincolns aufzuweisen.


Zur Person: Alberto Giacometti

Der Bildhauer und Maler Alberto Giacometti ist einer der teuersten Künstler der Welt: Letzten Februar wurde eine seiner Skulpturen für über 100 Millionen Dollar verkauft. Der 1901 in der Schweiz geborene Sohn des Malers Giovanni Giacometti ging 1922 zum Studium der Bildhauerei nach Paris. Ersten künstlerischen Erfolg hatte er seit Ende der 1920er Jahre mit surrealistischen Skulpturen, die auf von Sexualität und Gewalt geprägte Paarbeziehungen anspielen. Mitte der 1930er Jahre sagte er sich vom Surrealismus los - und konzentrierte sich fortan auf die Malerei und Bildhauerei nach Modellen, zu denen sein Bruder Diego und seine Ehefrau Annette gehörten. Sein Markenzeichen wurden spindeldürre stehende Frauen und schreitende Männer. Giacometti war ein eifriger Künstler, der nach Atelierschluss zu einem ausschweifenden Nachtleben neigte. Permanent übermüdet, zunehmend erschöpft und vorzeitig gealtert, starb der mit Auszeichnungen überhäufte und zahlreichen Ausstellungen geehrte Alberto Giacometti im Januar 1966 an einem entzündlichen Herzleiden in Verbindung mit einer chronischen Bronchitis.


Alberto Giacometti: 20.11.2010 bis 6.3.2011 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1. Di. 11-20 Uhr, Mi.-So. 11-18 Uhr. Informationen: Tel.: 05361-26690, Internet: www.kunstmuseum-wolfsburg.de. Der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag erscheint im Dezember für 38 Euro


Text: Veit-Mario Thiede, Goethestraße 100, 34119 Kassel, Tel: 0171-3860734, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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